Viele Wirtschaftsunternehmen, besonders im Nachhaltigkeitsbereich, haben zunehmend Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden. Gleichzeitig stehen innovative Wirtschaftsstudiengänge unter Druck oder verschwinden ganz. An Hochschulen wächst die Unzufriedenheit vieler Studierender mit der begrenzten Praxisrelevanz ihres Studiums; vielerorts wird eine plurale Sichtweise auf Ökonomie eingefordert. Die WGA baut mit ihren Partnerunternehmen und Universitäten Kooperationen auf, die in die Etablierung neuer Studiengänge für zukunftstragendes Wirtschaften münden sollen. In Zusammenarbeit mit der Universität Witten/Herdecke ist vor diesem Hintergrund der Kurs „Wirtschaft mit allen Sinnen" entstanden.
Das Seminar versteht Wirtschaft nicht als isolierten Bereich, sondern als kulturelles, also menschengemachtes Phänomen, eingebettet in gesellschaftliche und ökologische Zusammenhänge. Im Zentrum stehen zwei ganztägige Unternehmensbesuche, bei denen durch unvoreingenommene Wahrnehmung und kritische Reflexion unterschiedliche Nachhaltigkeitsdimensionen erkundet werden – ökologisch, sozial, kulturell und ökonomisch. Nach den Besuchen spiegeln die Studierenden ihre Eindrücke eingeladenen Vertreter:innen der Unternehmen zurück und stoßen so dort Reflexionsprozesse an.
Die besuchten Unternehmen betonten den Mehrwert der reflektierenden Rückmeldung: Kritik lasse sich gut annehmen, wenn sie aus echter Wahrnehmung entstehe. Ein Unternehmen wünschte sich ausdrücklich regelmäßige Wahrnehmungsbesuche dieser Art, ein anderes hob hervor, dass genau solche Erfahrungsfelder – statt reiner Inhaltsvermittlung – der eigentliche Auftrag von Hochschule sei.
Studierende berichteten von einer neuen Identifikation mit den Themen, weil sie sich als Teil des Settings erlebten. Mehrere beschrieben ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und einer „Bringschuld": den Unternehmen etwas von den gewonnenen Gedanken zurückzugeben. Der Kurs wurde zugleich als herausfordernd beschrieben: „Man fühlt sich ein bisschen nackt" oder: „Das ist hier mehr Arbeit als sonst, aber es landet auch ganz anders in mir."
Der Kurs zeigt, wie ein wahrnehmungsbasierter, dialogischer Zugang zur Wirtschaftsbildung sowohl bei Unternehmen als auch bei Studierenden eine Wirkung entfaltet, die über klassische Seminarformate hinausgeht. Daher wird der Ansatz innerhalb und außerhalb der UW/H weiter erforscht und vorgestellt. Wer Interesse hat, mit einer Hochschule oder einem Unternehmen hierzu beizutragen, kann sich gerne bei uns melden!
Friederike Mainz (Juristin, World Goetheanum Association), Florian Bally-Rommel (Netzwerk Plurale Ökonomik, Basel), und Joos van den Dool (Universität Witten/Herdecke – WittenLab. Zukunftslabor studium fundamentale).