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Wenn Beziehungen wirtschaftlich werden

07.09.2026 |   Aktuell
Beobachtungen vom Strategic Summit und Summer Food Fest in Schweden

Neben der WGA arbeiten viele Netzwerke an einer Veränderung der Wirtschaft. Bei einigen von ihnen – etwa WeALL oder dem Next Economy Forum (NEF) – ist die WGA Mitglied, um die gesamte Bewegung zu stärken. Bei anderen bestehen Überschneidungen, weil sich WGA-Partner dort einbringen, wie z. B. Teikei beim Strategic Summit und Summer Food Fest in Schweden. Als WGA nehmen wir auch in diesen Netzwerken aktuell die Bestrebung wahr, die verschiedenen Impulse besser miteinander zu verbinden, um so eine Bewegung entstehen zu lassen, die stark genug ist, um die dringend notwendigen Veränderungen in der Wirtschaft herbeizuführen.

Themen, die auch uns bewegen, finden sich dort in ähnlicher oder abgewandelter Form wieder – so etwa bei Tobias Keye, dem Autor des Berichts zum Strategic Summit und Summer Food Fest in Schweden, bei dem sich der Assoziationsgedanke auf gemeinsame Landschaften ausdehnt.

 

Der Strategic Summit und Summer Food Fest nutzte eine besondere soziale und kulturelle Infrastruktur: zuerst in Stockholm in der historischen Malmgården Vita Bergen, wo heute biodynamischer Gartenbau und soziale Arbeit zusammenkommen, dann in Järna, wo über Jahrzehnte ein dichtes anthroposophisch inspiriertes Geflecht aus biodynamischer Landwirtschaft, Bildung, Kultur und Architektur gewachsen ist. Das Summer Food Fest fand bei Under Tallarna statt – einer Initiative aus dem Umfeld gemeinschaftsgetragener Landwirtschaft, die Produzent:innen und Konsument:innen wieder enger miteinander verbindet.

So unterschiedlich die beteiligten Ansätze sind, berühren sie damit Fragen, die auch im Umfeld der World Goetheanum Association seit langem bewegt werden: Wie lassen sich Wirtschaft, Landwirtschaft, soziale Beziehungen und Verantwortung für einen Ort neu zusammenbringen?

Auf einer Holztafel in Järna hingen die Zettel des Summer Food Fest: Saatgut, Kompost, gesunder Boden, Pilze, Wildpflanzen, dezentrale Ernährungsnetzwerke. Daneben das Bühnenprogramm mit Helena Norberg-Hodge, internationalen Gästen und lokalen Initiativen aus Schweden. In der Mitte: ein gemeinsames Mittagessen, gekocht von Köchinnen, Bäckern, Landwirten und Produzentinnen.

Für einen Tag wurde sichtbar, wie viele konkrete Bausteine für andere Ernährungssysteme bereits existieren.

Am Tag zuvor hatte Reformaten, eine schwedische Bewegung für eine forschungsbasierte Transformation des Ernährungssystems, gemeinsam mit Local Futures, dem internationalen Netzwerk um Helena Norberg-Hodge für Lokalisierung, zum Strategic Summit „From Globalization to Localization – Building a Unified Front“ eingeladen.
Zusammengekommen war eine beachtliche Vielfalt europäischer Ansätze: LIVS butik in Stockholm, ein mitgliedsgetragener Lebensmittelladen mit über 1.600 Mitgliedern und Marktexperiment von Sébastien Boudet; REKO, ein in Finnland entstandenes Modell vorbestellter regionaler Lebensmittelmärkte über soziale Medien, welches weltweit mittlerweile durch regionale „Ringe“ über 2,5 Mio Nutzer hat; KVANN, das norwegische Netzwerk für Saatgutvielfalt; WGA-Partner Teikei Olive and fruits, eine gemeinschaftsgetragene Initiative; und weitere Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.

Im Hintergrund formiert sich mit der „European Taskforce for Food System Change“ ein neues Netzwerk, inspiriert unter anderem von Hansalim, der koreanischen Produzent:innen- und Konsument:innengenossenschaft. Beteiligt sind neben den schon Genannten weitere Initiativen wie Herenboeren, Robin Food – Partner des letzten WGA-Forums in Sekem, FoodTogether, Bioregional Weaving Labs, Koopernikus. Ihr Leitsatz lautet: How might we create big awakening through nourishing communities around food and love, based on mutual caretaking, in the most joyful way?
In Schweden bekam dieser Satz eine praktische Form: nicht als fertiges Modell, sondern als internationale Zusammenkunft von Produzent:innen, Küche, Saatgut, Läden, Kooperativen und europäischem Erfahrungswissen. Eine der wichtigsten Aufgaben besteht darin, diese Kräfte miteinander wahrnehmbar zu machen.

Vom einzelnen Modell zur lebensdienlichen Ökonomie
Was in Stockholm und Järna sichtbar wurde, steht nicht allein. An vielen Orten Europas gibt es bereits Ansätze, die Ernährung, Landwirtschaft, regionale Versorgung, Finanzierung und Ökosystemaufbau neu miteinander verbinden. Noch sind viele davon klein, teilweise unfertig, oft abhängig von einzelnen Menschen. Aber gerade darin liegt auch ihre Kraft: Sie zeigen, dass die Transformation nicht erst beginnt, wenn der große Rahmen fertig ist. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und konkrete Formen erproben.
Eine aktuelle, von Landwirt:innen geführte Untersuchung der European Alliance for Regenerative Agriculture (EARA) weist in eine ähnliche Richtung. In den untersuchten regenerativ wirtschaftenden Betrieben lagen die Erträge nahezu auf Vergleichsniveau, während rund 62 Prozent weniger synthetischer Stickstoff und 76 Prozent weniger Pestizide eingesetzt wurden; zugleich lagen die Bruttomargen im Durchschnitt höher. Interessant ist weniger die einzelne Zahl als der Ansatz, Produktivität breiter zu verstehen – ökonomische Leistung gemeinsam mit Bodenbedeckung, Pflanzenvielfalt und geringerem Ressourceneinsatz. 
Auch politisch zeigen sich neue Spielräume. Dänemark macht derzeit sichtbar, was möglich wird, wenn der Staat eine klare Richtung vorgibt und unterschiedliche Akteure darauf ausrichtet. Mit der Grünen Dreiparteienvereinbarung von 2024 wurden Landwirtschaft, Natur, Klima und Gewässerschutz in einen gemeinsamen Rahmen gebracht; 23 lokale Dreiparteien übersetzen diese Ziele inzwischen in konkrete Flächenpläne. Die neue Vierparteienregierung knüpft daran an und will Agrarförderung stärker an Leistungen für Natur, Biodiversität, Klima und Wasser binden sowie 2027 eine nationale Ernährungsstrategie vorlegen. Spannend bleibt zu beobachten, ob aus dieser politischen Rahmensetzung tatsächlich eine dauerhafte regionale Transformation entsteht.
Parallel verändert sich auch auf europäischer Ebene die Finanzierungslogik. Mit der Carbon Removals and Carbon Farming Regulation (CRCF) schafft die EU einen gemeinsamen Rahmen für die Zertifizierung von Kohlenstoffentnahmen und Carbon Farming. Inzwischen geht sie darüber hinaus: Mit einem neuen CRCF Buyers Club und einer geplanten Facility soll Nachfrage gebündelt und öffentliche mit privater Finanzierung verbunden werden. Für Carbon Farming werden dabei auch Modelle diskutiert, in denen Landbewirtschafter einer Region gemeinsam größere Vorhaben anbieten können.
Hier berührt sich die europäische Rahmensetzung mit Ansätzen aus der Praxis. Neben solchen Zertifizierungsrahmen entstehen Ansätze, die einen anderen Weg gehen. Der deutsche Verein Mehr.Wert e.V. arbeitet daran, Umweltauswirkungen von Produkten und Dienstleistungen monetär sichtbar zu machen und ihnen einen „Umweltwert" für konkrete ökologische Aufwertungs- und Renaturierungsleistungen gegenüberzustellen — nicht als handelbares Zertifikat, sondern als Maßstab dafür, wer Schäden vermeidet und wer sie verursacht. Dahinter steht dieselbe wirtschaftliche Frage: Wie können diejenigen einen Vorteil haben, die Schäden vermeiden und Natur aufbauen, statt die Folgekosten der Allgemeinheit zu überlassen?
Am Ende steht bei allen dieselbe Frage: Wie entsteht eine Ökonomie, in der Pflege, Erhalt und Aufbau von Natur sich mehr rechnen als Extraktion?
Auch Unternehmen greifen diese Frage zunehmend auf. So forderte Kerstin Erbe, dm-Geschäftsführerin für das Ressort Produktmanagement und Nachhaltigkeit, auf dem Sustainable Economy Summit von der Politik, Investitionen in Natur bilanziell und fiskalisch anrechenbar zu machen — damit Produkte mit gutem Fuß- und Handabdruck nicht dauerhaft teurer bleiben als jene, deren Folgekosten die Allgemeinheit trägt.

Das wäre ein neues Normal: Nicht die billigste Extraktion gewinnt, sondern die bessere Aufbauleistung wird wirtschaftlich sichtbar.
Dass das kein Fernziel ist, zeigt Zürich. Die Genossenschaft Koopernikus — ein Zusammenschluss von Erzeugern, Verarbeitern, Läden und Gastronomiebetrieben — hat den Auftrag für die städtische Gemeinschaftsgastronomie in einem regulären Vergabeverfahren gewonnen und beliefert bio und regional seit Oktober 2025 rund 160 öffentliche Betriebe, darunter Kitas und Schulen. Inzwischen hat die Stadt Bio und Regionalität als zusätzliche Kriterien in ihre Ausschreibungen aufgenommen. Erst zeigt ein Anbieter, dass es geht — dann schreibt der Käufer es fest.
Gleichzeitig zeigt sich in der Finanzierung eine interessante Bewegung. Kapitalmärkte allein finden nicht automatisch den Weg in die Landschaft, in den Hof oder in die Kommune. Deshalb entstehen in Europa zunehmend ortsbezogene Ansätze, die nicht mehr nur einzelne Projekte finanzieren wollen. Bioregional Financing Facilities etwa sollen öffentliches, privates und philanthropisches Kapital langfristig für zusammenhängende Vorhaben in einer konkreten Landschaft bündeln. Auch der neue CRCF Buyers Club weist mit der Bündelung von Nachfrage und regionalen Carbon-Farming-Vorhaben in diese Richtung.
Die Begegnung dieser Entwicklungen birgt ein enormes Potential in sich. 
Assoziatives Wirtschaften, wie es in Järna und beispielsweise in der Naturkostbranche erfahrbar ist, hat entlang von Produkten und Wertschöpfungsketten gezeigt, was entstehen kann, wenn Produzenten, Verarbeitung, Handel und Konsumenten ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten stärker miteinander in Beziehung setzen. Auf der Ebene einer Landschaft kommen Kommunen, Wasserwirtschaft, Naturschutz und staatliche Stellen hinzu, weil ihre Entscheidungen auf denselben Lebensraum wirken.
Allerdings ersetzen die besten Messsysteme keine solche soziale Infrastruktur. Sie können sichtbar machen, was mit Boden, Wasser oder Biodiversität geschieht, Wirkungen nachvollziehbar machen und Sicherheit für Finanzierung schaffen. Welche Maßnahmen an einem konkreten Ort sinnvoll sind und wie Zielkonflikte gelöst werden, lässt sich aber nicht allein von außen bestimmen. Dieses Wissen und diese Handlungsfähigkeit müssen in der Region selbst wachsen. Gemeinsame Daten können dabei zu einem Werkzeug werden, mit dem eine Landschaft über Jahre aus ihren Maßnahmen und Wirkungen lernt.
Was wäre also, wenn wir den assoziativen Gedanken über die Produktkette hinausdenken? Wenn eine Region nicht nur einzelne Leistungen misst und finanziert, sondern gemeinsam wahrnimmt, welche Aufbauleistungen ihre Landschaft braucht – und öffentliche Mittel, Unternehmen, Landwirtschaft, Naturschutz sowie privates und philanthropisches Kapital daran ausrichtet?
Die Erfahrung von Stockholm und Järna war für mich deshalb auch eine Ermutigung. Vieles von dem, was dafür notwendig wäre, beginnt längst zu wachsen und darf noch sichtbarer werden: Beziehungen, praktische Modelle, neue Messgrößen und inzwischen auch Finanzierungsstrukturen, die den konkreten Ort stärker in den Mittelpunkt stellen.
Vielleicht ist das die Frage, die sich daraus für assoziatives Wirtschaften heute ergibt: Kann aus der Assoziation entlang eines Produktes eine Assoziation für eine gemeinsame Landschaft werden?

 

Über den Autor

Tobias Till Keye, aufgewachsen im Umfeld der sozialökonomischen Gründungsimpulse rund um die GLS Bank, arbeitet seit 2007 im Biohandel und in der Ernährungswirtschaft – vom internationalen Groß- und Außenhandel über den Aufbau der BioBoden Genossenschaft nach Vorpommern. Als Gründer der Berliner Agentur für nachhaltige Entwicklung – Projekt N und Vorstand des von der United Nations University anerkannten Regionalen Kompetenzzentrums für Bildung für nachhaltige Entwicklung RCE Stettiner Haff arbeitet er heute an der Transformation von Landwirtschaft, Ernährungssystemen und Ökosystemleistungen – unter anderem im Oder-Delta an Reallaboren und neuen Finanzierungsmodellen für Klima- und Landschaftsleistungen.

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