AV: Magst Du uns mitnehmen an diesen Lernort, den ihr nun ca. 16 Jahre gestaltet?
WSH: Ja, es ist tatsächlich ein Lernort, der sich aber auch über Teile Asiens erstreckt – durch persönliche Präsenz, Projekte und das kontinuierliche Kontakthalten, aber auch Vorträge und Fortbildungen über das Internet. Ich wurde ursprünglich für ein paar Vorträge auf die Philippinen eingeladen und bin durch die Begegnung mit Grace hier geblieben; gemeinsam haben wir entschieden, unsere Fähigkeiten und das, wofür wir stehen, hier zur Verfügung zu stellen.
An unserem eigentlichen Lernort sind die Möglichkeiten der Mitwirkung unbegrenzt. Ich sehe Anthroposophie als Kulturerneuerung – es gibt eigentlich nichts, wo wir nicht durch Erweiterung auf Grundlage der Anthroposophie Sinnvolles bewirken können. Dabei ist es für uns wichtig, nicht nur zu predigen, sondern etwas Praktisches zeigen zu können. Das geschieht erst mal auf Grundlage der Landwirtschaft: Wir machen Biodiversität erlebbar, wir stellen die Präparate her, ziehen Saatgut – alles in begrenztem Maßstab, aber wir sind Statthalter für tiefergehende Unternehmungen. Wir sind in Erziehung und Gesundheitsfragen engagiert. Es gibt jede Menge einfacher Dinge, wie man Menschen in ihrer Entwicklung und in ihren Nöten unterstützen kann - von finanziellen Fragen über die Durchsetzung von Rechten zur Abwasser-Reinigung und so fort. Über das Land hinaus betreue ich momentan Initiativen und Mensch in China, Nepal, Bhutan und Indien.
AV: Wie sind deine Erfahrungen mit dem Thema World Goetheanum Association Asien? Was ist gut, was können wir lernen, um weiter gut daran arbeiten zu können?
WSH: Die WGA hat – soweit ich es verstehe – unter anderem den Aspekt, dass wir ungefähr so viele anthroposophisch inspirierte Betriebe wie Mitglieder in der Gesellschaft haben. Das ist ein riesiges Potenzial. Ein wichtiger Aspekt ist dabei das "Preaching to the choir": Wie viele Waldorflehrer oder Eltern kennen eigentlich die Anthroposophie und was man damit alles machen kann?
Nehmen wir dm als Beispiel – die haben einen grossen Fortbildungskatalog. Das wurde mit Bedacht aufgebaut, das ist eine riesige Kulturtat. Wenn man von 50.000 Betrieben und Einrichtungen weltweit spricht, sind in Asien wahrscheinlich keine 50 dabei (abgesehen von Biodynamik und Waldorf). Wir stehen also sehr am Anfang in Asien. Auch im Biodynamischen und im Waldorf-Bereich!
Dazu kommt, dass auch hier die bestehenden Betriebe Tiefe des Verständnisse ermangeln. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel in Indien eine Ausbildung in einem großen biodynamischen Betrieb gemacht. Die Unternehmer hatten das Gefühl, wir spritzen zwar die Präparate, aber empfinden unsere Mitarbeiter eigentlich wie das alles mit dem Kosmos, mit Selbstentwicklung zu tun hat? Und tatsächlich schien unser Beitrag geradezu ersehnt zu werden - die Biodynamik wurde bis dahin quasi nur mechanisch durchgeführt, nun wurde sie durch sinnliche Erfahrungen ins Erleben gebracht.
In Asien gibt es zudem eine große sprachliche Spaltung: China und der Rest. Wer offen für Anthroposophie ist, kann meist Englisch – in China trifft das aber meist nicht zu, da brauchen wir Übersetzungen. Das hat uns auch legitimiert, einen Beitrag zu verlangen, was gar nicht schlecht war: Die Chinesen sind absolut daran gewöhnt, für solche Angebote zu zahlen. Das wäre etwas für die Zukunft – Beiträge für Teilnehmer aus Asien zu erheben, und auch einige Angebote des Goetheanum als Grundbildung in Anthroposophie integriert anzubieten. Denn das benötigen wir, da ist uns Europa hundert Jahre voraus: Allgemeinbildung, Volksbildung in Anthroposophie.
Da ich ohnehin viel reise, habe ich die WGA auch face-to-face vertreten, wo immer ich grade arbeitete. Da entstanden auch die Leadership-Workshops draus: auf eine Anfrage im Sommer 2024 hin habe ich drei Module für chinesische Teilnehmer gemacht – das vierte wollte ich im Ausland abhalten, wir haben es hier auf Palawan gemacht. Chinesen sind durch die starke nationalistische Propaganda der Partei wenig geübt, in einem globalen Interesse zu denken – deshalb war dieses Auslandsmodul wichtig.
Aus dem Leadership-Programm sind bedeutende unternehmerische Impulse entstanden: Zwei Teilnehmer aus wichtigen Organisationen haben neue Formate gegründet, um den biologischen Landbau in Asien voranzubringen. Ein sehr großer organischer Betrieb wird voraussichtlich auf biodynamisch umstellen. So ein Workshop, das sind persönliche Erlebnisse, die man zusammen hat – und die zu solchen Entwicklungen und dann auch zu wachsenden Netzwerken führen.
Ich bin überzeugt: Wir kommen nicht ohne Online-Formate aus, aber wir müssen so viel wie möglich in echter menschlicher Begegnung machen. Das sieht offensichtlich das Goetheanum genauso, wenn ich an die landwirtschaftliche Tagung denke.
AV: Ich erlebe deine Arbeit so, dass du immer über das Praktische, über das, was Menschen selbst erleben können, an diese Themen herangehst – nicht dozierend, sondern aus dem Erleben heraus. Wie hat das Assoziative in deinem Werdegang eine Rolle gespielt?
WSH: Meine Methode des Lehrens gründet auf der Überzeugung, dass wir heute vor einer großen Herausforderung stehen: der virtuellen Welt. Wir müssen unterscheiden lernen zwischen sinnlicher und geistiger Welt auf der einen Seite und der virtuellen Welt auf der anderen. Das ist weiter fortgeschritten, als die meisten ahnen.
Wenn ich frage "Was hast du denn selbst erlebt?", antworten die meisten mit Dingen, die sie aus den Nachrichten haben. Erst nach dem dritten Nachfragen wird ihnen klar, dass ich frage, was sie mit eigenen Augen und Ohren wahrgenommen haben. Die Sinne sind eine Grundlage der Selbstermächtigung.
Deshalb lege ich meinen Schwerpunkt auf die ganz einfachen Dinge: die Sinne, die Lebensprozesse, die Nebenübungen. Von dort ist der Weg zum Assoziativen nicht weit – denn dann geht es in die Begegnung. Und alles Assoziative gründet auf Begegnung.
Das Assoziative taucht überall auf: das geht schon los, wenn ich an der Kasse bezahle und frage "Leiste ich mir das?", wenn jemand fragt "Kannst du einen Vortrag halten, was kostet es?" Ich versuche immer, die Gesprächspartner in Bewegung zu bringen – nicht einfach einen Preis zu nennen, sondern zu fragen: Was ist Dir möglich? Wie viel ist es Dir wert? Weisst Du auch etwas über mich und meinen Bedarf?
Bei uns sind diese Dinge allerdings wenig entwickelt. Wenn wir hier Saatgut oder Präparate produzieren, ist man schon froh, wenn jemand sie überhaupt haben will – weil die Leute gar nicht wissen, was biodynamisches Saatgut bedeutet, und was es heißt, daran jahrelang gezüchtet zu haben. Diese Frage von Wert und Preis – wir stehen da noch ganz am Anfang. Man erzeugt grosses Staunen, wenn man die Dinge darlegt.
AV: Ganz vielen Dank für diese gemeinsame Arbeit – für den Versuch, die vorhandenen Kräfte miteinander zu verbinden, zu stärken und zu schauen, was notwendig ist. Danke für diese fünf Jahre. Es wird nicht leicht sein, einen Nachfolger für dich zu finden. Ich hoffe, wir bleiben weiterhin im Gespräch. Und herzlichen Dank – auch von meinen ganzen Kollegen – dass wir über große Distanzen die World Goetheanum Association gemeinsam ein Stück weiter aufgebaut haben. Herzliche Grüße auch an deine Frau Grace.
WSH: Ganz herzlichen Dank von meiner Seite. Es war eine tolle Geschichte, so zusammenarbeiten zu können – zu schauen, was wir verwirklichen können. Wir arbeiten natürlich weiter an diesen Dingen, und ich hoffe, dass sich jemand findet, der einen entsprechenden Hintergrund mitbringt.
Andrea Valdinoci: Im Moment versuchen wir als WGA Asien eine Gruppe von jungen Menschen aus verschiedenen Ländern, die sich für die Verwandlung der Wirtschaft interessieren und einsetzen wollen zu bilden, die dann den Kern der WGA Arbeit weiter begleiten können.